Absence First
2023–24
dim. v.
glazed ceramics, wood, dif. materials
photo: Claudia Mann, VG Bild-Kunst, Bonn
exhibition view: Lothar Fischer prize - Claudia Mann 2024
Lothar Fischer Museum, Neumarkt i. d. Oberpfalz, 2024

Die zu einer größeren und visuell unterschiedlichen Werkgruppe (seit 2019) gehörenden Absence First, widersprechen dem Verständnis von Abwesenheit dem eine Anwesenheit vorausgegangen sein muss, als Zustand nicht. Claudia Mann geht vom Abwesenden aus, und wie auch bei ihren anderen Arbeiten kann man auf eine vorangegangene Handlung schließen. Fünf hölzerne Plattformen, die wie von flexiblen keramischen Atlanten getragen werden, weisen Fehlstellen auf. Der blinde Fleck, genau genommen die Standfläche die etwas für sich beansprucht, wenn es sich darauf befindet, wird zum plastischen und auch performativen Moment dieser Skulpturen. C.Mann manifestiert die realen, aber auch meist ephemeren Arbeitsspuren nicht nur als Moment ihrer Handlung, sondern als eine vielleicht ursprünglichste Lesart einer Untrennbarkeit von Form und invertierter Gegenform. Bild und Spiegelbild sind ebenso gegensätzlich, wie untrennbar aufeinander bezogen wie die Abformung und das Abgetormte. C.Mann umkreist die Geschichte der Architektur und der Skulptur, die in ihren Ursprüngen eine Einheit waren. So können die Plinthen, die sogenannten Startflächen traditioneller Skulptur, Plastik und auch Säule eine Umkehrung in ihrer Lesart gewinnen. Die Keramiken bilden eine tragende, schwebende und auch elastisch wirkenden Bühnenaufbau. So finden sich die fehlenden Protagonist*innen auf den Arbeitsflächen, unterhalb ein und bilden eine substantielle Einheit zueinander.

Edith Viezens-Kleinert, Museum Lothar Fischer

Absence First, part of a larger and visually diverse group of works (since 2019), contradicts the understanding of absence as a state that must be preceded by presence. Claudia Mann starts from the absent, and as in her other works, one can infer a previous action. Five wooden platforms, which appear to be supported by flexible ceramic atlases, have missing pieces. The blind spot, or more precisely, the base that claims something for itself when it is on it, becomes the plastic and also performative moment of these sculptures. C. Mann manifests the real, but also mostly ephemeral traces of work not only as a moment of her action, but as perhaps the most original interpretation of the inseparability of form and inverted counterform. Image and reflection are as contradictory as they are inseparably related to each other, like the mold and the molded. C.Mann circles around the history of architecture and sculpture, which were originally one and the same. Thus, the plinths, the so-called starting surfaces of traditional sculpture, plastic art, and columns can gain a reversal in their interpretation. The ceramics form a supporting, floating, and also elastic-looking stage structure. The missing protagonists are found on the work surfaces, underneath, and form a substantial unity with each other.

Edith Viezens-Kleinert, Lothar Fischer Museum

Equipoise
2024
wood, plaster, latex, metal, dif. materials
38 x 152 x 80 cm

photo: Claudia Mann, VG Bild-Kunst, Bonn
Lothar Fischer Preis, Museum Lothar Fischer, Neumarkt i.d. Oberpfalz, 2024

Die Arbeit Equipoise ist entstanden aus einer Abformung von der großen Equipoise
(Gips, grün pigmentiert,...). Sie bildet einen Gegenpol zu Gewicht und Balance von ihr und sie nimmt insbesondere die figürliche Beschaffenheit der stehenden Equipoise auf.

Anders als die aufrecht stehende, physisch extrem präsente und voluminöse Arbeit Equipoise, liegt die Gipsschalung und an dieser anhaftenden zarten Latexhaut fließend und um jeglichen Stehvermögens beraubt, auf der gleichen Holzkonstruktion wie ihr aufrecht stehendes Pendant – das allerdings vor der Platzierung gewendet wurde.

Die sich in C.Manns Werk wiederholenden Holzplateaus sind genaugenommen Arbeitsplatten aus beispielsweise Dielen, die jeweils explizit vor Beginn der Entstehung einer Arbeit, gebaut werden. Die Plateaus sind für C.Mann Bühnenelemente, wie auch der eigens geschaffene Boden der Skulptur. Und so sucht sie eine Art Kontakthof zwischen den geschaffenen ProtagonistInnen, sprich Werken. Das erstmalige Zeigen der Rückseite dieser wiedermals genannten Equipoise, verknüpft sich mit der Umkehrung der Werkgruppe und stellt eine andere Frage:
Die Verbindung mit einer älteren Werkgruppe Absence First.. So stellt sie ihre These auch hier erneut auf Probe:

Die Nichtanwesenheit geht der Anwesenden voraus und ohne das Vorherige wäre das nun Existiernde nicht möglich.

Edith Viezens-Kleinert, Museum Lothar Fischer

The work Equipoise was created from a cast of the large Equipoise (plaster, green pigmented, ...). It forms a counterpoint to her weight and balance and takes up in particular the figurative nature of the standing Equipoise. Unlike the upright, physically extremely present and voluminous work Equipoise, the plaster formwork and the delicate latex skin adhering to it lie fluidly and deprived of any standing power on the same wooden construction as its upright counterpart – which, however, was turned before being placed.

The wooden platforms that recur in C. Mann's work are, strictly speaking, worktops made from floorboards, for example, which are explicitly constructed before the creation of a work begins. For C. Mann, the platforms are stage elements, as is the specially created base of the sculpture. And so she seeks a kind of contact yard between the created protagonists, i.e., the works. The first-time display of the reverse side of this Equipoise, named the same once again, is linked to the reversal of the group of works and raises another question: the connection with an older group of works, Absence First. Here, too, she puts her thesis to the test once again:

Absence precedes presence, and without the former, the presence would not be possible.

Edith Viezens-Kleinert, Lothar Fischer Museum

Equipoise
2024
wood, plaster, latex, metal, dif. materials
210 x 120 x 100 cm

photo: Claudia Mann, VG Bild-Kunst, Bonn
Lothar Fischer Preis, Museum Lothar Fischer, Neumarkt i.d. Oberpfalz, 2024

Equipoise bedeutet direkt übersetzt ‚Gleichgewicht‘. Der Begriff wird in vielen Wissenschaftsbereichen angewendet, um Prozesse der Abwägung zwischen mehreren Möglichkeiten zur Lösungsfindung zu beschreiben. Auf den emotional-menschlichen Bereich übertragen, könnte Equipoise den Prozess des Durchdenkens verschiedener Optionen oder Wege umschreiben, die gleichermaßen gültig oder vielversprechend sind, bis hin zum Erreichen eines Zustands der inneren Ruhe und Gewissheit. Bei beispielsweise mehreren guten Behandlungsmethoden eines Patient*innen wird eine Equipoise einberufen.

„In meiner Vorstellung versuchen alle Ärzt*innen ohne Hierarchie, die bestmögliche Behandlung zu ermitteln, welche ausschließlich eines/einer Patient*innen zu Gute kommt. Die Basis bildet eine Menschlichkeit gepaart mit Wissen. So muss doch das eigene Ego zurückgestellt werden, um eine Klarheit und Weichheit in dieser gemeinsamen Auseinandersetzung herzustellen.“

Das Erschaffen einer frei stehenden Skulptur, also der Aufbau eines dreidimensionalen Körpers, der sich in Relation zum Boden austariert, ähnelt diesen Prozessen der Gleichgewichtsfindung. Den klassischen Kontrapost und S-Schwung eines menschlichen skulpturalen Abbilds mit Stand- und Spielbein und Verlagerung von Hüfte und Schultern - nimmt sie sich jedoch nicht unbedingt zum Vorbild, sondern die Entstehung unterliegt konkreten Entscheidungen zur Ausarbeitung eines fragilen wie stabilen Gegenübers, welches über emotionale und physische Ausgewogenheit ausschlaggebend für die Formgebung war. Wie in den meisten Arbeiten von C.Mann, verhalten sie sich zu einer ihrer vorangegangenen Handlungen, oder bilden eine Schwebe zu einem Transformationsakt.
Durchaus ließe sich von performativer Plastik sprechen, die wie bei der Werkgruppe Equipoise, einen Moment zum Stillstand bringen möchte, der Emotionalität mit Physis bündelt und damit Fragilität und Verletztlichkeit zur Stärke bildet.

Punktierungen mit Stahlnägeln durchbohren die Oberfläche des Gipses, die an die traditionelle Bildhauerei erinnert. Dabei wurden ursprünglich an einer Gips- oder Tonplastik Markierungen gesetzt, die zur Übertragung in Stein technisch bewusst gesetzt wurden. C.Mann verfolgt mit ihrer „Nagelung“ jedoch einer Körpererweitung der Equipoise und bildet eine weitere Oberfläche um den festen Körper und legt dabei ihr Innerstes frei.

Edith Viezens-Kleinert, Museum Lothar Fischer

Erotischer Versuch zwischen Boden und Wand
(Drücke deine vordere und deine rückwärtige Oberfläche gegeneinander)
2021
Keramik, Plastilin

Erotic attempt between fl oor and wall
(Press your front surface and back surface toward each other)
2021
ceramic, plasticine

Claudia Mann führen ihre Gedanken über den Boden weiter hin zu der Überlegung, dass wir Menschen aufrecht in ständiger Balance zu diesem und Berührung mit diesem stehen. Da ein Objekt drei Standpunkte braucht um fest zu stehen, wir Menschen aber nur zwei Beine haben, bildet nach Überlegungen Manns der Körper und sein Gleichgewichtsorgan im Kopf das ‚dritte Standbein‘. So befindet sich im Ohr genau jenes feine Instrument, welches uns ständig austarieren lässt und schafft die benötigte innere und äußere Stabilität, um eine gute Standfestigkeit auf dem Boden zu wahren.

Sabine Schmidt, PSM

Unter den Boden Legen
2022
ceramics, steel, “Schiefer”
35 x 38 x 30 cm

photos: Claudia Mann, VG Bild-Kunst, Bonn
Lothar Fischer Preis, Museum Lothar Fischer, Neumarkt i.d. Oberpfalz, 2024

The invitation to 'lie under the floor' is also the title of a sculpture that sits solely on two steel rods and thus offers a view through its hollow body to the floor. On closer inspection, a gentle ear imprint can be found in the surface of the material, which in turn has been created as an imprint from the imprint of a floor.
Someone seems to have listened into the floor, transcending the boundaries of the material to perceive sounds from the 'other side'. Our unobstructed view through the sculpture to this very ground supports this assumption.

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Die Aufforderung Unter den Boden legen ist der Titel der zylindrischen Keramik, die den Betrachtenden ermöglicht, durch den Hohlkörper auf den Boden zu blicken. In der Oberfläche der Plastik ist vage ein Ohrabdruck erkennbar, der seinerseits durch Interaktion der Künstlerin mit dem Boden erzeugt wurde. Im Prozess des Aufrichtens der noch am Boden anhaftenden weichen Tonplatte dienen der Künstlerin die Ohren zur Stabilisierung. Abgesehen davon, sind sie auch als maßgebliches Werkzeug für unseren Gleichgewichtssinn zu empfinden.

Equipoise
2023
wood, ceramic

The duet Equipoise (Counterweight) made of fired clay on a wooden wall console consists of two sculptures leaning towards each other made of cylindrically rolled up impressions of the ground, each of which has an imprint of one of the artist's ears. The two ear impressions, which symbolize the artist's listening into the ground, lend the two forms a human physical presence. Like two people dancing or singing a duet, the two hollow bodies seem to interact.

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Das Duett Equipoise (Gegengewicht) aus gebranntem Ton auf einer hölzernen Wandkonsole besteht aus zwei sich einander zuneigenden Plastiken aus zylindrisch aufgerollten Bodenabdrücken, die je einen Abdruck eines Ohrs der Künstlerin aufweisen. Die beiden Ohrabdrücke, die das Hineinhorchen der Künstlerin in den Boden versinnbildlichen, verleihen den zwei Formen eine menschlich körperliche Präsenz. Wie beim Tanz oder dem Gesang zweier Menschen im Duett scheinen die beiden Hohlkörper zu interagieren.